Ausgabe Eulenspiegel 1995 H2. / 1999 H9
Antioxidanzien - Kommentar

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Zuchtsteak aus der Retorte

Kommentar von Jutta Muth

Wäre das nicht der ultimative Kompromiss zwischen Tierschützern und Fleischliebhabern: Fleisch, das nicht mehr vom Schlachttier stammt, sondern direkt aus der Petrischale kommt? Gegenwärtig steckt das Verfahren noch in den Kinderschuhen. Zwar ist es schon gelungen, Muskelzellen zum Wachstum zu verhelfen – doch Form und Konsistenz eines Steaks sind eine andere Leistungsklasse. Wenn das Gewebe dreidimensional wächst, kommt die Nährlösung aber nicht an alle Zellen heran, so dass die Zellen im Inneren des Fleischklumpens absterben. Parallel wäre daher ein Adersystem zu züchten, das alle Zellen mit Nährstoffen versorgt. Eine einfachere technische Lösung bestünde beispielsweise darin, eine Struktur aus Hydrokolloiden zu schaffen, an der sich die Zellen ansiedeln.
Der Zusammensetzung der Nährlösung kommt ebenfalls entscheidende Bedeutung zu. Derzeit braucht man dafür noch Rinderserum, was die Produktion unnötig verteuert. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier ein synthetisches Medium zur Verfügung steht, das sowohl billiger als auch effektiver ist. Vielleicht verlangt der Markt in einigen Jahren ja immer weniger nach „gewachsenen” Fleischstücken wie Tafelspitz und sauren Nierchen, sondern vermehrt nach Hackfleisch und Wurst, vor allem in Form von Hamburgern und Wienern. Dazu bedarf es nur entsprechender Zellen, die mit bereits bekannten Methoden und Zusatzstoffen strukturiert werden könnten.
Noch ist unklar, welche gefühlsmäßigen Hürden der Otto Normalverbraucher nehmen muss, um diese Art von biotechnologischem Fleisch nicht als unnatürlich und ekelhaft abzulehnen. Dabei könnte gerade diese Herstellungsmethode die Verwendung so unappetitlicher Wachstumsförderer wie Hormone und Antibiotika sowie das Auftreten von Zoonosen ausschließen. Im Gegenteil: Das Fleisch könnte sogar so verändert werden, dass es den jeweils aktuellen Ernährungstheorien entgegenkommt, beispielsweise indem es weniger Cholesterin und Fett enthält oder mehr Mineralstoffe und Vitamine. Als ideale Nahrung für den Menschen werden bereits Kulturen aus menschlichen Ursprungs- zellen angeregt, welche alle Nährstoffe im richtigen Mengenverhältnis enthielten, das heißt im eigentlichen Wortsinne „vollwertig” sind.
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