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Süßstoff für Ferkel
Die Antwort von Udo Pollmer auf den Beitrag von C. Drösser in der “ZEIT”

Süßstoff für Ferkel

Zum Beitrag von C. Drösser: „Stimmt’s – Süßstoff für Ferkel“ (Die Zeit, Ausgabe 15/2008)
Link: http://www.zeit.de/2008/15/Stimmts-Suessstoff

Lieber Herr Drösser,

es stimmt leider nicht, was Sie in der Zeit über Süßstoffe verbreiten. „Der behauptete Zusammenhang zwischen Geschmack und Insulinproduktion“ sei „eine Legende“, ist dort zu lesen. Angeblich sei die Bauchspeicheldrüse „nur durch einen hohen Blutzuckerspiegel“ zur Produktion von Insulin zu bewegen und nicht durch „Geschmackssignale aus dem Gehirn“. Um es kurz zu machen: Der Fachausdruck für die Signale aus dem Mund heißt „cephalic phase“. Wenn Sie den Suchbegriff in einschlägigen Datenbanken wie Medline oder Highwirepress eingeben, erhalten Sie hunderte von Treffern aus mehreren Jahrzehnten Forschung. Nicht wenige davon befassen sich mit Süßstoffen und der damit verbundenen Insulinsekretion. Im Deutschen spricht man vom Kopfphasen-Reflex. Soviel zur Terminologie und zum aktuellen Stand des Wissens.

Nun zum Einsatz von Süßstoffen in der Mast: Hier werden Süßstoffe seit Jahrzehnten erfolgreich ge-nutzt. Dieses ermöglicht die Futtermittelverordnung. Es stimmt, dass darin Saccharin nur für Ferkel zugelassen ist. Aber alle naturidentischen und natürlichen, d.h. insbesondere die gentechnisch her-gestellten, Süßstoffe sind für alle Tierarten jedweden Alters erlaubt. Im Futtermittelrecht (anders als im Lebensmittelrecht) werden Süßstoffe als „Aromen“ geführt – eine Tatsache, die dem flüchtigen oder der Materie unkundigen Leser leicht entgehen kann.

Natürlich müssen bei der Wahl des richtigen Süßstoffs die Unterschiede zwischen den Tierarten in der Wahrnehmung des süßen Geschmacks beachtet werden. Doch Ihre Aussage, „praktisch der einzige Zuckerersatzstoff, der bei Mensch und Schwein wirkt“, sei „das Saccharin“, trifft nicht zu. Die zwei stärksten Süßstoffe beim Menschen, Lugdunam und Carrelam, sind auch beim Schwein am effektivsten. Von Saccharin bedarf es deutlich höherer Dosierungen als beim Menschen. Die Wirk-samkeit von Acesulfam K ist beim Schwein im Vergleich zum Menschen höher als von Saccharin. Üblicherweise werden in der Schweinemast spezielle Mixturen aus appetitstimulierenden „Aroma-stoffen“ eingesetzt.

Ein wenig ins Grübeln brachte mich folgende Aussage zum Einsatz von Saccharin als Futterzusatz: „Der Sinn dabei ist auch nicht Gewichtszunahme, sondern es geht darum, den an die Muttermilch gewöhnten Ferkel den teilweise ungewohnten und bitteren Geschmack des neuen Futters zu versüßen. Akzeptanz der Nahrung im Stall ist also das Ziel, nicht Mast.“ Wie bitte: Die Mast ist nicht Ziel im Stall? Was ist dann Sinn und Zweck der Schweinemast? Oder ist der Stall ein Kurhotel für Ferkel, das Wert auf eine gute Küche legt? Darf ich Ihnen, Herr Drösser, ein Geheimnis verraten? Beim Nutzvieh zählen die Gewichtszunahmen ab dem ersten Tag. Und deshalb kommt Süßstoff in den Ferkelstarter, eine Art Sauenmilchersatz. Denn der wird bis zum vierten Lebensmonat gefüttert – und danach ist Saccharin auch nicht mehr zulässig. Der Ferkelstarter dient insbesondere dazu, die Ferkel früher ab-stillen und mästen zu können. Und das funktioniert nur, wenn sich der teure Süßstoff trotz Kalorien-freiheit auch rechnet.

Hätte die Redaktion der Zeit ihr feines Näschen nicht in einen virtuellen Schweinestall oder in die Werbeschriften der Branche gesteckt, sondern die einschlägige Fachliteratur verfolgt, dann wäre ihr aufgefallen, dass Anfang dieses Jahres eine neue Süßstoffstudie für Furore gesorgt hat: Ratten wurde fettarmer Joghurt verfüttert, der entweder Zucker oder Süßstoff enthielt. Fünf Wochen später waren die Tiere mit Süßstoff signifikant schwerer. Die Analyse der Körperzusammensetzung zeigte, dass die Diätratten tatsächlich fetter geworden waren. Es hatte genügt, den Tieren drei Tage pro Woche Süßstoffjoghurt anzubieten.

Als Ursache der Gewichtszunahme erwies sich zunächst wie erwartet eine Appetitstimulation (vermut-lich ein cephalic phase response), verbunden mit Mehrverzehr. Aber das erklärt nur einen Teil des Effekts. Die Zunahme an Fettgewebe hatte noch einen weiteren Grund: Die Ratten gaben weniger Körperwärme ab. Dadurch gelang es den Tieren Energie zu sparen. Süßstoffe veranlassen den Körper also mehr Fett zu bilden, um ihn besser isolieren zu können. Dadurch kann er effektiver Wärme- bzw. Energieverluste vermeiden. Demnach erkennt der metabolische Sinn des Organismus den Betrug des Geschmackssinns und korrigiert dessen Fehler. Die Autoren der Studie schlussfolgern: „Die Daten zeigen, daß der Verzehr von Speisen, die künstliche Süßstoffe enthalten, zu einem erhöhten Gewicht und Fettsucht führen können, weil sie grundlegende physiologische Prozessse stören.“

Aber der Ratten hätte es eigentlich gar nicht mehr bedurft, schon die Schweine hätten unsere Diät-experten rechtzeitig eines besseren belehren können. Stimmt’s?


Mit freundlichen Grüßen,
Udo Pollmer


Literatur
Glaser D et al: Gustatory responses of pigs to various natural and artificial compounds known to be sweet in man. Food Chemistry 2000; 68: 375-385
Nofre C et al: Gustatory responses of pigs to sixty compounds tasting sweet to humans. Journal of animal Physiology and Animal Nutrition 2002; 86: 90-96
Swithers SE, Davidson TL: A role for sweet taste: calorie predictive relations in energy regulation by rats. Behavioral Neuroscience 2008; 122: 161-173

Links zu drei einschlägigen Datenbanken
Highwirepress: http://highwire.stanford.edu/lists/freeart.dtl
Medline: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/sites/entrez
Sciencedirect http://www.sciencedirect.com

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