Probeheft Eulenspiegel 1/2008 downloaden
Inhalt
Bezug, Kontakt

Leseprobe - Ökolandbau

Der Glaube stirbt zuletzt
von Udo Pollmer

Der Verbraucher will Bio, der Handel auch, die Politik sowieso. Längst gehört es zum Allgemeinwissen: Der ökologische Landbau hält Pflanzen und Tiere gesund, schont die Umwelt, und bietet dem Kunden rückstandsarme und hochwertige Lebensmittel. Und der Bauer darf sich über höhere Preise freuen.

Warum wirtschaften unsere Landwirte immer noch mit Kunstdünger und Chemiekeule, mit Traktor und GPS? Sie bräuchten nur einem Bioverband beizutreten – und schon erstrahlen konventionelle Trinkwasserverseucher, Tierquäler und Klimaignoranten in ganz neuem Licht. Sie könnten sich in der Achtung ihrer Mitmenschen sonnen, haben sie doch bewiesen, dass ihnen die Zukunft unserer Erde am Herzen liegt. Doch warum kann jeder nach den „strengen Bioregeln“ produzieren, sobald er einem Verband beigetreten ist und den nötigen Papierkrieg überstanden hat, obwohl es angeblich besondere Sachkunde und viel Erfahrung erfordert? Wenn Bio andererseits so einfach ist, warum weigert sich dann die Mehrzahl der Landwirte standhaft, auf den Zug der Zeit aufzuspringen?

Ernten lügen nicht

Vielleicht bedient Bio weniger den Verstand als die Sehnsüchte: Ein gerechter Gott schlägt den, der sich an der Natur versündigt, mit Plagen auf seinem Acker; wer sich jedoch der gütigen Mutter Erde auf leisen Ökosandalen nähert, wird aus ihrem Füllhorn mit reicher Ernte überschüttet. Wohl deshalb können viele Menschen nicht verstehen, warum die Erträge im ökologischen Landbaudennoch deutlich niedriger ausfallen. Ein Ökobauer erntet gut 30 Dezitonnen Weizen je Hektar, der konven- tionelle Landwirt fährt Erträge von über 70 Dezitonnen ein, Spitzenbetriebe sogar bis zu 100 Dezitonnen. Diese Mengen kommen nicht von ungefähr und auch nicht von ein paar ökologischen Tricks. Das Leistungspotenzial moderner Pflanzensorten und Tierrassen steigt stetig. Gleichzeitig ist ihre Anfälligkeit ge- sunken, sofern man ihnen die nötige Pflege, wie den erforderlichen Dünger bzw. das Kraftfutter, zugesteht. Wer auf die „natürlichen Kreisläufe“ setzt, kann eben nur „natürliche Erträge“ erwarten.

Ohne Moos nix los

Glaubt man den Medien, dann sollten unsere Biobauern im Geld schwimmen. Doch die Realität sieht leider anders aus: Wenn sie in etwas schwimmen, dann in Arbeit – vor allem in Mehrarbeit. Wer keine Mittel gegen den Kar- toffelkäfer einsetzen darf, muss sie eben per Hand absammeln. Wer auf wirksame Pflanzen- schutzmittel verzichtet, der muss auch bereit sein, Missernten in Kauf zu nehmen. Im verregneten Sommer 2007 war das Getreide einem hohen Infektionsdruck durch Pilzsporen ausgesetzt. So manche Bioernte taugte nicht mal mehr als Schweinefutter, es blieb nur noch die Entsorgung über die Biogasanlage. Eine sinnvolle Verwendung, meinen Sie? Inzwischen sind die Betreiber durch Schaden klüger: Die gasproduzierenden Bakterien gaben bei Fütterung mit Biosiff ihren Geist auf.

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen die Menschen mit alten Landrassen, Ochsen- gespannen und Weihwasser im Schweiße ihres Angesichts dem Boden ihre Nahrung abrangen. Moderne Landmaschinen stecken voller Elektronik und erlauben punktgenaues Arbeiten; Extraportionen an Dünger und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln haben dafür gesorgt, dass Europa seit Jahrzehnten von Wucher und Hungersnöten verschont geblieben ist. Der technische Fortschritt sorgt nun dafür, dass die Schere zwischen biologischer und konventioneller Landwirtschaft immer weiter auseinanderklafft.

Dankeschön!

All das kann die historischen Verdienste der Ökobauern nicht schmälern. Sie haben durch ihren Einsatz frühzeitig einem Zeitgeist entgegengesteuert, der glaubte, alle Probleme mit der chemischen Keule lösen zu können, und sich dadurch immer neue Probleme schuf. Hier sei nur an die fast vergessene Herden- sterilität durch Stickstoffüberdüngung erinnert. Wer biologisch wirtschaftete, wurde dafür in den 80er und 90er Jahren von der eigenen Nach- barschaft, aber auch von Medien – egal ob Agrarblättchen oder öffentlich-rechtliches Fernsehen – abgewatscht. Die Biobauern haben damals gezeigt, dass die biologische Landwirtschaft in der Lage ist, manch ein Problem der konventionellen Produktion zu vermeiden oder zu lösen.

Längst gehören die innerdörflichen Graben- kriege der Väter der Vergangenheit an. Die jüngere Generation, die heute die Betriebe führt, sah sich bei der ehemaligen „Biokonkurrenz“ um und übernahm, was ihr sinnvoll erschien. Insofern hat der ökologische Landbau die konventionelle Landwirtschaft revolutioniert – das ist sein größter und nicht zu unter- schätzender Verdienst. Dafür gebührt ihm unser Dank!

Wie geht es weiter?

Am besten produzieren wird derjenige, der aus allen verfügbaren Techniken und Mitteln – egal ob bio oder konventionell – die auswählt, die ihm am geeignetsten erscheinen. Dazu gehören eine umweltverträglichere Schädlingsbekäm- pfung ebenso wie intelligente Bewässerungs- systeme oder ertragreichere Neuzüchtungen. Die Zukunft gehört über kurz oder lang einer Landwirtschaft, die ökologisches Denken mit moderner Technik vereint. Den Bioverbänden wird dann kein Landwirt eine Träne nachweinen.

Bezug, Kontakt

Bezug des EU.L.E.n-Spiegels
durch Fördermitgliedschaft oder Abonnement möglich.
Studenten, Azubis und Arbeitslose erhalten
Ermäßigung gegen Nachweis. Die
Fördermitgliedschaft kostet 92.- Euro für
Privatpersonen und 499.- Euro für Firmen.
>mehr

Nähere Info:
Jutta Muth,
Heinrich-Hesse-Straße 9,
35108 Rennertehausen,
Fon ++49/(0) 6452/7624,
E-Mail: JMuth(ad)das-eule.de 

Nachbestellungen von Einzelausgaben sind möglich. Verfügbare Ausgaben und Preise finden Sie in der Archivsuche. >mehr

Stichwortsuche

Ausgabensuche


What's new powered by crawl-it

 

Aktuelle Themen

Archivsuche

Interessante Links

Ampel
EULE41

Home

EU.L.E.n-Spiegel

Team

Abo & Mitgliedschaft

Probeheft

Seminare

Kontakt

 

> Rechtlicher Hinweis/Impressum     > sitemap     > Website Einstellungen

EU  ropäisches Institut für

  L  ebensmittel- und    

  E  rnährungswissenschaften e.V.