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von Dr. Manfred Stein
Sehen wir es nüchtern: Nach dem Ende des Kalten Krieges sind es nicht mehr Panzer, sondern Pipelines und Tanker, die mehr oder weniger unberechenbaren Regimes als Waffen dienen. Saudi-Arabien, Russland und der Iran sind sich ihrer Macht sehr wohl bewusst, was dem Slogan „Fördern statt Fordern“ eine neue Bedeutung gibt. Ihre Energieträger wie Erdöl, Gas oder Kohle werden sie an den Meistbietenden verkaufen und gleichzeitig versuchen, ihn abhängig zu machen. Wie rasant der Energiebedarf auf unserem Globus steigt, verdeutlicht die Tatsache, dass in China jede Woche ein neues Kohlekraftwerk in Betrieb genommen wird. Gleichzeitig lässt das Verbrennen fossiler Brennstoffe den CO2-Anteil in der Atmosphäre steigen. Und so fördert die Angst vor dem Klimawandel, vor der wachsenden Ölabhängigkeit und den steigenden Energiepreisen weltweit das Interesse an nachwachsenden Rohstoffen vom Acker. Immer mehr Raps, Ölpalmen und Mais werden als Energielieferanten angebaut und fehlen damit dem Lebensmittelmarkt. Für viele Landwirte in Deutschland kommt diese Entwicklung wie ein warmer Regen. Denn angesichts der hohen Energiepreise lohnt es sich inzwischen, die Ernte nicht mehr an Margarinefabriken oder Mühlen zu liefern, sondern an die Energiekonzerne zu verkaufen. Dieser Verdrängungswettbewerb zwischen Futter- und Lebensmitteln wird verschärft angesichts der, global gesehen, abnehmenden landwirt- schaftlichen Flächen.
Schlaflose Nächte Doch die Freude über die neuen Märkte und das Zusatzeinkommen ist selbst in der Landwirtschaft nicht ungeteilt. Denn mit dem Entzug von Flächen durch den Anbau von Energiepflanzen stiegen die Preise für Futtermittel deutlich an. Allein die vage Ankündigung, dass in der Region eine neue Biogasanlage gebaut werden soll, verursacht Geflügel- und Schweinemästern schlaflose Nächte. Die Biogasproduzenten können zurzeit erheblich höhere Pachtpreise zahlen als ihre ackernden und schweinehaltenden Kollegen, die ihre Produktean scharf kalkulierende Lebensmittelketten liefern müssen. Das stellt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der bisher erfolgreichen tierischen Veredelungswirtschaft in Deutschland auf eine harte Belastungsprobe und wirft die Frage auf, ob künftig nicht nur ein Großteil der Energie, sondern auch die meisten unserer Grundnahrungsmittel aus dem Ausland importiert werden müssen.
Die Mär vom Biodiesel Wegen des global gestiegenen Bedarfs und einer katastrophalen Missernte in Australien hat sich Weizen in Deutschland innerhalb von wenigen Monaten um 50 Prozent verteuert. Während der Erntezeit kostete die Tonne 105 Euro, mittlerweile sind es mehr als 150 Euro. Schon jetzt muss der Geflügelfleischvermarkter Wesjohann seinen 700 Vertragshähnchenmästern Futterkostenzuschüsse von 7,5 Cent je Kilo Huhn zahlen. Futterkosten sind mit 60 Prozent der größte Posten in der Kalkulation. Und die Geflügelmäster sind mit dem Problem nicht allein: Die Verteuerung landwirtschaftlicher Rohstoffe trifft die gesamte Lebensmittelbranche, von den Molkereien über die Metzger bis zum Bäcker. Bis 2010, so Kalkulationen von Fachleuten, könnten die Lebensmittelpreise in Deutschland um 50 Prozent steigen. Dabei ist selbst Umweltschützern und grünen Politikern klar, dass weder Raps noch Biogas unsere Pkws aus der Abhängigkeit von den Erdöl- und Gasimporten aus Saudi-Arabien und Russland befreien können – von den anderen Einsatzbereichen der Petrochemie ganz zu schweigen. Um etwa das von der Europäischen Union vorgegebene Ziel einer Beimischung von dürftigen 5,75 Prozent allein beim Biodiesel zu erreichen, müsste die schon jetzt nicht geringe Anbaufläche für Raps deutlich größer sein als sie heute für die Nahrungs- und Treibstoffproduktion zusammengenommen ist.
Das Ende der Wende Die Wechselwirkung zwischen Lebensmittel- und Energieproduktion ist auch den Mineralölkonzernen bewusst. „Das Fell wird nun mehrfach verteilt“, verlautete es aus dem Hause BP. Die BP-Marktanalysten erwarten aufgrund der politischen Vorgabe des Anbaus von Energiepflanzen schon bald eine Verteuerung von Lebensmitteln. Getrieben wird der Preisanstieg auf dem Weltmarkt von dem weltweiten Wirtschaftsboom mit immer mehr zahlungskräftigen Konsumenten insbesondere in den Tigerstaaten Asiens und in den USA, die vor allem auf Bioethanol setzen. Präsident George W. Bush erhielt für seine Aussage, die Leute sollten mit dem Treibstoff fahren, „der in Amerika wächst“, im Land großen Applaus. Dafür klettern jetzt die Weizenpreise. Unter der neuen Energiepolitik dürften vor allem die Länder der Dritten Welt leiden. Denn die hohen Getreidepreise treffen ihre Bevölkerung am meisten. Die wohlhabenden Staaten Europas verschärfen die Lage zusätzlich durch die Propaganda für extensive Produktionsweisen, die bewusst auf den Einsatz von Kunstdünger (insbesondere Stickstoff) verzichten und damit die Nutzung der verfügbaren Flächen weiter beeinträchtigen. Am Kunstdüngereinsatz zur Erhöhung der Erträge von Energiepflanzen hat die Ökoszene hingegen noch keinen Anstoß genommen. Schon allein deshalb wäre in Deutschland dringend eine Wende der Agrarwende geboten.
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