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Sport: Survival of the fittest

von Udo Pollmer

Olympia ist vorbei, die Medaillen sind vergeben und die Werbeverträge unterschrieben. Die wichtigsten ideellen Nutznießer des globalen Medienereignisses sind aber zweifellos die Sportvereine und die Fitneßcenter. Der Fitneß- Boom wird hier gern als Zeichen jener Eigenverantwortung ausgegeben, die Gesundheitspolitiker schon lange fordern: Sport als Prävention vor Zivilisationskrankheiten, um die Ausgaben der Krankenkassen zu dämpfen.
Die Idee, daß sportliche Betätigung die Gesundheit fördert, hat die Gesellschaft inzwischen ebenso gelernt wie das Sprüchlein „Eßt Obst und ihr bleibt gesund“. Ein guter Grund, einen Blick auf die Beweislage der boomenden Branche zu werfen. Und die sieht – genau wie im Falle der Ernährung – reichlich dürftig aus. Die bedeutendste Konsensuskonferenz, deren Resultate 1994 in einem Wälzer mit tausend Seiten Begründung publiziert wurden, vermied es, der alles entscheidenden Frage nachzugehen, ob Menschen, die intensiv Sport treiben, länger leben als solche Zeitgenossen, die ihren Körper glauben schonen zu müssen. Nicht daß es dazu keine Studien gäbe, aber die Ergebnisse sind nicht sehr ermutigend. Diese Einsicht ist gar nicht gut fürs Geschäft. Wenn Sport nicht zur Prävention taugt, sondern „nur“ der Lebensfreude dient, dann geht den Experten ein viel versprechender Markt verloren, dann fokussieren sich deren Einkommensmöglichkeiten auf die Vermeidung von Tennisellenbögen, das Gipsen von Skifahrerfrakturen und die Reha-Gymnastik von Schlaganfallpatienten.
Statt sich solch ehrlichem Handwerk zu widmen, erscheint es vielen wesentlich attraktiver, die Sehnsucht nach ewiger Jugend zu wecken. „Fit for ever“ ist zwar ein offensichtlich irrealer Wunschtraum, aber wenn uns scheinbar wissenschaftlich suggeriert wird, wir müßten nur den Regeln der Fitneßgurus folgen, um for ever young mit 90 quietschfidel in die Kiste zu springen, lassen sich natürlich Vitalkuren wesentlich besser vermarkten. Auch Fernsehexperten klingen viel wichtiger, wenn sie erklären, welcher Sport das Erschlaffen des Bindegewebes verhindert, und Zeitgeist-Magazine können ihre Auflage steigern, wenn darin diskutiert wird, ob Golfen oder Qigong dem Antiaging förderlicher ist.
Was also tun? Geschwind die alten Zahlen neu selektiert und dann ausgiebig massiert – und siehe da, aus denselben Studien, die vorher die Nutzlosigkeit intensiver sportlicher Betätigung belegten, winkt nun demjenigen das ewige Leben, der auf Teufel-komm-raus trainiert!
Das einzige, was mit Sicherheit zunimmt, sind die Meniskusverletzungen und Kapselrisse. Doch Verletzungen kommen in Studien, die sich der Prävention durch Sport widmen, vorsichtshalber gar nicht vor. Wo doch jeder niedergelassene Arzt weiß, daß der Montag der Tag der lädierten Freizeitsportler ist. Und die Motivation vieler Freizeitsportler ist immer seltener die Freude des Körpers an der Bewegung als vielmehr die Hoffnung auf Gewichtsabnahme. Nachdem Diäten für viele Menschen mit einem Fiasko auf Raten endeten, soll nun der Sport die Pfunde schmelzen lassen. Noch besser: Er soll die Diäten unterstützen – als ob die gesundheitlichen Schäden durch abrupte Mangelernährung mittels Training kompensiert werden könnten!
Aber es gibt noch einen ganz anderen Aspekt: Der Kunde im Sportstudio trainiert keineswegs für die Bilanzen der AOK, für ihn ist Fitneß immer häufiger ein Synonym für Erfolg. Wer im Sportstudio seinen Luxuskörper in aller Öffentlichkeit stählt, testet gleichzeitig seinen Marktwert. Seitdem sich der Jojo-Effekt der Diäten herumgesprochen hat, empfehlen die Gazetten der Jungen, Schönen und Ehrgeizigen jetzt für jede Pseudo-Problemzone den perfekten „Workout“. Muskeln und Körper werden nicht trainiert, sondern entsprechend dem Zeitgeistideal „modelliert“. Der moderne Narziß erschafft sich selbst.
Eine weitere Gemeinsamkeit verbindet Diäten mit Sport: der Konsum von Drogen. Nicht nur die klapperdürren Models brauchen Kokain, um sich die Formen, die ihren Erfolg ausmachen, mit fortschreitendem Alter zu bewahren. Im Sport gilt das gleiche gnadenlose Gesetz des Erfolgs: Wenn über Sieg und Niederlage nur noch Hundertstelsekunden entscheiden, dann liegt es nahe, dem ausgereizten Körper mit Doping jenen ausschlaggebenden hauchdünnen Vorsprung zu verschaffen. So muß sich unsere Gesellschaft fragen lassen, ob sie wirklich die richtigen Idole hat. Und sie darf sich nicht wundern, wenn Jugendliche auch deren Schattenseiten nachahmen.
Also lieber keinen Sport? Nein, dieser EU.L.E.n-Spiegel ist bestimmt kein Appell zu kollektiver Trägheit. Im Gegenteil, mit der Bewegung ist es wie mit dem Essen: Beides kann viel Spaß bereiten. Aber offenbar ist Lebensfreude kein Argument, mit dem sich in unserer Kultur reüssieren ließe. Außerdem ist die Bewegung nur ein kleiner Teil des Wirkungsgefüges Sport – womöglich tragen das Gemeinschaftserlebnis, das Tageslicht und die frische Luft mehr zur positiven Wirkung bei als die Muskelkontraktionen.

Ausgabe Eulenspiegel 1/2002
Schwerpunkt: Sport

Sport: Survival of the fittest

Inhalt der Ausgabe

Schwerpunkt Sport
- Spritzensport:
  Doping mit Insulin
- EPO: Eisen powert-
  oder?

- Iso- und Energy-
  drinks
- Fit oder Fett durch
  Kreatin?
- Sport, ein echter
  Knochenjob
- Run auf den Speck:
  Sport als Diät
- Keine Macht der
  Droge Sport!
- Lohnt der Lauf ums
  lange Leben?
Gentechnik aktuell
- Wem nüzt die grüne
  Gentechnik?

Facts und Artefacts

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Die besondere Erkenntnis

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