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Eulenspiegel Ausgabe 1/2008 S.18
Seehofers Milchmädchenreport

Udo Pollmer zur nationalen Verzehrstudie

Seehofers Milchmädchenreport

von Udo Pollmer

Die Deutschen sind „zu dick“. Stolze 50 Prozent der Frauen und zwei Drittel der Männer könnten nicht als Models auf dem Laufsteg arbeiten. So das erschütternde Ergebnis der großen nationalen Verzehrsstudie, die Minister Seehofer Anfang des Jahres der Öffentlichkeit übergab. Besonders Übles liest man darin von der Unterschicht: Dort seien nicht nur die fettesten Menschen zu finden, sondern auch die dümmsten und verfressensten. Oder, um es politisch korrekter zu formulieren: Je bildungsferner der Mensch, desto mehr Kalorien verspeist er und desto dicker wird er. Übergewicht zeugt nach Minister Seehofer von einem Mangel an Bildung – was offensichtlich aber kein Hinderungsgrund für politische Karrieren ist.
Die Lebensmittelwirtschaft tut dagegen, was sie kann: Sie entfernt überall Fette, Kohlenhydrate und Kalorien. Maßnahmen also, mit denen die Amerikaner seit Jahrzehnten immer wieder gescheitert sind. Wo das nicht möglich ist, verkleinert sie die Portionen, was der Verpackungs- industrie zugute kommt.
Aber vielleicht haben unsere Lebensmittel mit der „Übergewichts- epidemie“ viel weniger zu tun als uns das Ministerium weismachen will. Zunächst ist die Frage, wie viele Menschen zu dick sind, reine Definitionssache. Es gibt keine Norm und keine medizinisch belegbaren Grenzwerte. Je niedriger die willkürliche Grenze angesetzt wird, desto größer die Zahl derer, die statt für Skispringen oder Kunstturnen für Ringen oder Kugelstoßen entschieden haben, sind nach des Ministers Maßstäben zu fett und sollten endlich abspecken.

Silikon spart Fett

Die derzeit üblichen Messlatten wurden ursprünglich für Rekruten entwickelt. Für junge Männer beschreibt ein BMI von 20 bis 25 durchaus den biologischen Durchschnitt. Nun verändert sich der BMI aber in Abhängigkeit von der Konstitution im Laufe des Lebens (siehe Abbildung 1). Das Älterwerden beeinflusst die körperliche Erscheinung des Menschen. Nicht nur Minister, auch Wähler werden korpulenter.

Dieser Prozess folgt biologischen Gesetzen: Säuglinge haben einen hohen Fettgehalt, der im Laufe der Kindheit sinkt, während er in der Pubertät vor allem bei den Mädchen wieder ansteigt (siehe Abbildung 2). Diese Tatsachen weisen den Glauben, im Fettgehalt des Körpers spiegele sich zuvörderst der Schokoladenkonsum („Hüftgold“) wider, ins Reich der Phantasie. Da der Fettgehalt mit zunehmendem Alter bei allen Säugetieren zunimmt, steigt damit auch die Zahl der vermeintlichen „Dicken“. Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in die Jahre kommen, nimmt das „Übergewicht“ rein rechnerisch weiter zu. Erst im Greisenalter sinken Gewicht, BMI und Fettgehalt wieder. Je niedriger diese Werte im Alter, desto höher die Sterblichkeit, weil im Falle einer schweren Krankheit weniger Reserven vorhanden sind.

Dass mehr Männer als Frauen „zu dick“ sein sollen, hat einen ganz einfachen Grund. Bei vielen Säugetieren unterscheidet sich der Körperbau von Männchen und Weibchen – so auch beim Menschen. Die Biologie spricht vom Sexualdimorphismus. Da Frauen gewöhnlich zierlicher sind, sind sie „gesünder“. Je breiter die Schultern der Herren, desto höher der BMI. Die Folge: Wer mit einem kräftigen Körperbau gesegnet ist, darf sich vorwerfen lassen, er würde unsere Krankenkassen
belasten. Typisches Beispiel: Arnold Schwarzenegger, nach Seehofers Normen ein fetter Hund, der endlich mal durch den Stadtpark rennen sollte.

Das preisgünstigste Ideal hat Seehofer längst ausgemacht: Schmächtige Gestalten wie Karl Valentin – ein Paradebeispiel für einen herrlich kerngesunden Männerkörper. Sein BMI versetzt unsere Ernährungsber aterinnen in schiere Verzückung. Aber auch für die Damenwelt gibt’s Regeln: Je kürzer die Oberschenkel, desto übergewichtiger der Body. Flachbrüstige Frauen sind in Fragen der Gesundheit jenen mit erotischer Oberweite und knackigem Po um BMI-Punkte überlegen. Die Zukunft der gesunden Frau liegt im Silikon – das spart jede Menge Fett.  >mehr

BMI_1_08_202

Inhalt der Ausgabe

Nährwerttabellen
- Bei grün darfst du
  gehn ....

- Ab ins Kaminfeuer!
- Töpfe statt Tabellen
Übergewicht
- Seehofers Milch-
  mädchenreport
  ab S.18
  ab S.20

Facts und Artefacts & In aller Kürze
- Zigarette statt
  Frühstück
- Volksverdummung
  mit Gentechnik
- Benzol mit Karotten-
  saft
- Faul durch Sport
- Geheimnisse des
  Vogelkots
- Müsli für die Sau
- Hafer wird körniger

Die besondere Er-
kenntnis
- Satt durch Nonsens 

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