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von Brigitte Neumann und Tamás Nagy
So viel Ernährungsfürsorge auf einmal ist nur schwer zu verdauen: Pünktlich zum Frühjahrsbeginn haben uns DGE, aid und Verbraucher- ministerium mit einer gemeinsamen dreidimensionalen Lebensmittel- pyramide beglückt. Ihre zentrale Botschaft deckt sich mit der „5 am Tag”-Kampagne und lautet, dass wir mehr Obst und Gemüse essen sollen. Damit das endlich gelingt, wünscht sich Ministerin Renate Künast, dass die Pyramide an möglichst allen Kühlschränken Deutschlands hängt. Die Konsequenzen sind absehbar: Wer nach Herzenslust etwas Wurst oder Käse essen will, wird prompt ermahnt, sich stattdessen an Apfel oder Möhre zu halten.
Pyramidenbasis auf der Kippe
Zwar ist der Plan aufgegangen, die deutsche Lebensmittelpyramide noch vor dem neuen Modell der USA zu präsentieren und damit zu zeigen, dass man nicht länger auf Vorbilder aus Amerika angewiesen ist. Allerdings steht das Werk auf einem höchst wackligen wissen- schaftlichen Fundament, da kurz vor seiner Veröffentlichung ein besonders überzeugender Beleg für die Nutzlosigkeit von „5 am Tag” auftauchte: Die jüngste European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC-Studie), an der zehn europäische Länder beteiligt waren. Sie beweist, dass weder Obst noch Gemüse vor Brustkrebs schützen. Die Studie konzentrierte sich auf knapp 300 000 Frauen im Alter von 25-70 Jahren und verglich Daten aus Ernährungserhebungen der Jahre 1992-1998 mit Krebsfällen, die bis 2002 auftraten. Neben Blatt-, Frucht- und Wurzelgemüse, Kohl, Pilzen, Zwiebeln und Knoblauch wurde auch der mögliche Effekt von allerlei Obst sowie von Frucht- bzw. Gemüsesäften überprüft. Selbst unter Berücksichtigung von Lebens- stilfaktoren wie Zigarettenkonsum, Hormontherapie oder körperlicher Aktivität fand sich nicht der gewünschte Zusammenhang zwischen den vertilgten Obst- oder Gemüsemengen und dem Brustkrebs. Im Quintil mit dem höchsten Verzehr an Blattgemüse traten sogar anderthalbmal mehr Brustkrebsfälle auf als im Quintil mit dem niedrigsten Konsum. Dieses Ergebnis konnte offenbar selbst die moderne Statistik nicht mehr ungeschehen machen.
Ehrenrettung für „5 am Tag”
Das an der Studie beteiligte Deutsche Institut für Ernährungsforschung in Potsdam nahm die Ergebnisse zum Anlass, um in der Presse- meldung „Obst und Gemüse schützen nicht vor Brustkrebs” vom aktuellen Wissensstand zu berichten. Anscheinend hatte sich das Institut aber etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt, da es schnell eine Stellungnahme nachschob, welche die Sachlage relativieren sollte. Die Überschrift lautete diesmal: „Obst und Gemüse: Schutz vor Krebserkrankungen?” Wie dringend die „5 am Tag”-Kampagne auf moralischen Beistand angewiesen war, zeigte sich nicht zuletzt an der Reaktion der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. Sie räumte zwar ein, dass „bereits vor der Veröffentlichung der neuen Studienergebnisse (...) die Evidenz für einen Krebs senkenden Effekt von Gemüse und Obst speziell bei Brustkrebs als unzureichend bewertet” wurde. Wegen der „Vielzahl an ernährungswissenschaftlichen Fakten” aber sei der vermehrte Verzehr dieser Lebensmittel als Präventivmaßnahme weiterhin höchst sinnvoll. Welche „Fakten” sie damit meinten, ließen die Experten allerdings offen.
Propaganda ohne Wirkung Der Verbraucher tut folglich gut daran, seinen Kühlschrank nach eigenem Ermessen zu füllen – gerade so, wie er es schon immer getan hat. Und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern. Denn laut DGE gibt es „keine Studien, die eine dauerhafte positive Änderung des Ernährungsverhaltens (...) durch Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit und der Verhaltensprävention belegen.” Im Gegenteil: Nicht einmal die langjährige „5 a day”-Kampagne in den USA habe zu einem nennenswerten Zuwachs des Obst- und Gemüsekonsums geführt, beklagen die Ernährungshüter. Das aber beweist, dass all die Propaganda nicht nur nutzlos, sondern auch wirkungslos ist. Ob die DGE wohl selbst noch daran glaubt, dass wir uns zu einer möhrenknabbernden Pflanzenkostnation erziehen lassen? Wahrscheinlich nicht. Doch wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
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