Stichwortsuche

Ausgabensuche

Das große Fressen: Aufs Maul geschaut

von Andrea Fock

Der Mensch als Allesfresser hat es gut. Er kann sich an dem gütlich tun, was ihm seine Umgebung gerade bietet – egal, ob es Früchte des Waldes sind oder die Currywurst am Imbiss. Bekanntlich ist der Mund des Menschen aber nicht nur dazu da, den Körper mit einem Menü zu erfreuen, sondern auch, um im Restaurant eine fröhliche Konversation zu betreiben. Aus biologischer Sicht wäre jedoch das eine ohne das andere nicht möglich.
Denn unsere Fähigkeit zum Sprechen verdanken wir vor allem unserer Fähigkeit zum Kauen. Die Kaumuskulatur beeinflusst die Anatomie des Schädels und damit auch die der Sprechwerkzeuge. Ob Fisch, Frosch oder Viper, alle benutzen ihre Zähne in der Regel nur zum Ergreifen und Festhalten der Beute.
Anders als bei den Säugern sind ihre Beißerchen mehr oder weniger gleich geformt. Weder Krokodile noch Lurche haben es geschafft, die Welt zu erobern. Sie fristen ihr Dasein in mehr oder weniger trüben Gewässern beim Lauern auf Beute. Die Säugetiere hingegen, die ihr Gebiss fast ausnahmslos auch zum Zerkleinern ihrer Nahrung nutzen, konnten sich weltweit verbreiten.

Gut gekaut ist halb verdaut


Säugetiergebisse sind effektiver, weil ihre Zähne unterschiedlich gestaltet sind. Statt den gleichförmigen Kegelzähnen der Krokodile entwickelten die Säuger Schneide-, Reiß- und Backenzähne. Damit kam die Evolution der warmblütigen Säugetiere so richtig ins Rollen. Während ihre Vorfahren die Beute noch komplett verschlangen, konnten Säuger unverdauliche Teile der Nahrung geschickt entfernen und die Nahrung zudem zerkleinern. Beides erleichterte die Verdauung immens. Spezielle Mahlzähne ermöglichten es ihnen, Gras zu nutzen. Raubtiere konnten mit ihrem Brechscherengebiss nicht nur Beute schlagen, sondern auch deren Fleisch zerreißen und die Knochen knacken, um an das nahrhafte Mark zu gelangen.
Bevor Stoß- oder Nagezähne in den Mäulern aufblitzen konnten, mussten die Vorfahren der heutigen Säuger allerdings ein neues Kiefergelenk entwickeln. Denn durch das Kauen verlagerte sich der Punkt, an dem die maximale Beiß auf den Unterkiefer wirkt und als Folge konnten die Kiefergelenke reduziert werden. Der Unterkiefer der Säugetiervorfahren war noch aus mehreren Knochen zusammengesetzt. Jetzt konnte er vereinfacht werden, was der Kommunikation zugute kam: Heute dienen die einstigen Bausteine der Kiefergelenke den Säugern als Gehörknöchelchen.

Das rechte Wort zur rechten Zeit

Das Kauen hatte noch weitere Auswirkungen auf die Evolution der Säugetiere und des Menschen. Der Mund erforderte eine komplexe Gesichtsmuskulatur – beispielsweise in Form beweglicher Lippen. Die brauchen Säuger nicht nur, um Nahrung zu fassen, sondern auch, um als Baby gestillt werden zu können. Ohne Lippen und Wangen fällt zudem jegliche Mimik und damit die wortlose Kommunikation flach. Reptilien haben noch keine Wangen, die verhindern, dass ihnen das Futter aus dem Gesicht fällt – ihr Maul ist seitlich offen. Sie können keine Miene verziehen, weshalb sie uns mit ihren beschuppten „Pokerfaces“ oft unheimlich erscheinen.
Der Mensch konnte dank der Gesichtsmuskulatur sogar das Sprechen erlernen. Seine beweglichen Lippen ermöglichen eine differenzierte Lautbildung, während seine Wangen eine genügend große Mundhöhle als Modulationsraum für die Vokale umschließen. Wegen des arbeits- teiligen Gebisses hat er außerdem eine bewegliche Zunge, um die Nahrung zu positionieren. Diese ist ebenfalls eine Vorbedingung für die Entwicklung der Sprache, da sie bei der Lautbildung mitwirkt.

Nicht verschlucken!

Wer auf einem zähen Schnitzel oder faserigen Blättern herumkaut und vermeiden will, dass ihm dabei die Luft ausgeht, muss diese irgendwie am „vollen Mund“ vorbei zum Kehlkopf leiten. Tiere wie Lurche, die ihre Nahrung mit einem Happs herunterschlucken, können auf dieses aufwendige Design verzichten. Warmblütige Säugetiere benötigten jedoch dringend neuartige Luftkanäle im Schädel, da sie wegen ihres deutlich intensiveren Stoffwechsels die Atemfrequenz erhöhen mussten. So veränderte sich ihre Schädelanatomie und es entstand ein neu- artiges Gaumendach. Auch für das Gehirn konnte bei vielen Säugern im Rahmen dieser „Umbaumaßnahmen“ mehr Raum geschaffen werden.
Jetzt fehlte nur noch der passende Kehlkopf. Beim Schimpansen und beim Menschenbaby sitzt er ziemlich weit oben im Hals. So kommt der Kehldeckel über dem Gaumensegel zu liegen, wodurch Luft- und Nahrungswege fein säuberlich getrennt sind. Deswegen verschlucken sich Schimpansen und Babys beim Fressen oder Trinken nur selten. Aber Laute können sie dafür fast nur mit den Lippen und dem Mund formen.
Beim Menschen wandert der Kehlkopf etwa ab dem zweiten Lebensjahr weiter den Hals herunter. Kehlkopf und Gaumensegel berühren sich nun nicht mehr. Dadurch erweitert sich der Rachenraum erheblich und damit auch die Leistungsfähigkeit des Stimmtrakts. Die Sache hat jedoch einen Haken: Da Luft- und Nahrungswege nun nicht mehr sauber getrennt sind, kann der Mensch sich verschlucken und an dem Bissen sogar ersticken. Insofern hatte unsere Kost – nicht dank geheimnisvoller Spurenstoffe, sondern aufgrund der notwendigen anatomischen Anpassungen – erheblichen Einfluss auf eine wichtige Grundlage der menschlichen Kultur: die Sprache.

Ausgabe Eulenspiegel 3-4/2007
Das grosse Fressen

Aufs Maul geschaut.

Inhalt der Ausgabe

Das große Fressen
- Auf’s Maul geschaut
- Vegetarier kontra
   Fleischfresser:
   alles Ansichtssache
- Der Mensch-ein
  Coctivor
- Im Dunkeln ist gut
  munkeln: Der Ver-
  dauungstrakt-die
  Black Box der Er-
  nährungslehre
Lebensmittelkon-
trolle

- Hammel mit Gammel

Facts und Artefacts
& In aller Kürze

- Maillardprodukte:
  Stochern im Nebel
- Gespür für Amion-
  säuren
- Fast-Food-Fantasien
- Verhungern doch
  ungesund?

Die besondere Er
kenntnis

- Rohkost ade!

Impressum

Krokodil

What's new powered by crawl-it

 

Aktuelle Themen

Archivsuche

EULE41

Home

EU.L.E.n-Spiegel

Team

Abo & Mitgliedschaft

Probeheft

Seminare

Kontakt

 

> Rechtlicher Hinweis/Impressum     > sitemap     > Website Einstellungen

EU  ropäisches Institut für

  L  ebensmittel- und    

  E  rnährungswissenschaften e.V.