Ausgabe Eulenspiegel 4/2005
Folsäure

Schwangere in der Pflicht 

Schwangere in der Pflicht

von Jutta Muth

„Die Schwangerschaft ist keine Krankheit!” Dieser freundliche Hinweis taucht immer wieder in Frauenratgebern auf, bevor eine ganze Litanei von „Tipps für eine gesunde Schwangerschaft” auf die Leserin niederprasselt. Ob Ernährung, Körperhygiene, Sport oder Sex: Die selten wissenschaftlich fundierten Anordnungen reglementieren alle Lebensbereiche und strafen die anfängliche Aussage Lügen. Sie beschneiden rigoros die Selbstbestimmung der Frauen, indem sie fordern, dass diese alles unterlassen, was ihrem Kind möglicherweise schaden könnte, und alles tun, was nach populärer Meinung für einen ordnungsgemäßen Schwangerschaftsverlauf notwendig ist. Unsere Urgroßmütter hätten über die Fülle an Ratschlägen nur gestaunt. Bei ihnen war das Kinderkriegen eine Selbstverständlichkeit und eine besondere Rücksichtnahme auf die zahlreichen Schwangerschaften selten üblich oder möglich. Im Gegenteil: Sie hatten trotz allem einen großen Haushalt zu versorgen – und das ganz ohne Waschmaschine, Mikrowelle und Wegwerfwindeln.

Furcht statt Freude

Da die deutsche Durchschnittsfrau statistisch gesehen 1,2 Kinder zur Welt bringt, das heißt die erste Schwangerschaft oft auch die einzige bleibt, sind Planung und Überwachung oberstes Gebot. Bei den zehn bis zwölf vorgesehenenUntersuchungen prüfen Ärzte im Abstand weniger Wochen, ob sich der Fötus planmäßig entwickelt. Und je öfter sie untersuchen, desto öfter finden sie natürlich auch Normab- weichungen. Inzwischen listet der Mutterpass stolze 52 Risikofaktoren
auf. Je nach Dichte der Gynäkologenpraxen gelten bereits 50-80 Prozent aller Fälle als Risikoschwangerschaften, was zu noch mehr Kontrollen führt und damit zu noch mehr Angst statt „freudiger Erwartung”.

Die Überwachung beginnt häufig schon Monate vor der „angedachten” Empfängnis, wenn der Gynäkologe zu einem gesunden Lebensstil rät. Dabei empfiehlt er in der Regel auch die Einnahme von Folsäure, was einen Neuralrohrdefekt beim Säugling verhindern soll. Welche verunsicherte zukünftige Mutter wird.

Inhalt der Ausgabe

Folsäure
- Schwangere in der
  Pflicht

- Mangel auf Empfeh-
  lung
EPIC-Studie
- Strich durch die
  Rechnung
Schlachttechniken
- Suche nach dem
  sanften Tod

Facts und Artefacts & In aller Kürze
- Freilandhaltung:
  Spiel mit dem
  Risiko

- Acarbose
  weiterhin fragwürdig
- Jod: Vom Mangel
  zum Überschuss
- Luftverschmutzung
  durch Bäume
- Bitterresistenz
  durch Malaria
- Reizdarm durch
  blinde Passagiere

Die besondere Erkenntnis
- Duft der Verdauung

Impressum 

schwanger
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