Schlachttechniken - Suche nach dem sanften Tod

von Jutta Muth

„Bemerkenswerterweise ist die Suche nach einem unbedenklichen Betäubungsverfahren für Massen-Tiertötungen in unserer, schließlich auch medizinisch hochentwickelten Welt noch immer in vollem Gange”, moniert Jörg Luy vom Institut für Tierschutz, Tierverhalten und Labortierkunde der Freien Universität Berlin. Erhebliche Schwierigkeiten bestehen laut Luy nicht nur bei der Massentötung von Geflügel, Schweinen und Rindern im Seuchenfall, sondern bereits bei der alltäglichen Praxis einer angst- und schmerzlosen Schlachtung.

Rinderschutz kontra Verbraucherschutz

In der Tat geriet die bisher übliche Schlachttechnik mittels Bolzenschuss während der BSE-Krise in die Kritik. Beim Eindringen des Metallbolzens ins Gehirn des Rindes würde, so die Befürchtung, eventuell infiziertes Gewebe über den noch funktionierenden Blutkreislauf im Schlachtkörper verteilt. Untersuchungen ergaben jedoch, dass nur äußerst geringe Mengen Hirngewebe in andere Organe gelangen und das Infektionsrisiko für den Menschen entsprechend gering ist.
Sicherheitshalber wird heute dennoch die Schuss-Schlag-Betäubung eingesetzt. Sie beruht auf einem dumpfen Schädelschlag mit einer geschossenen Metallscheibe, was beim Rind eine schwere Gehirn- erschütterung auslöst. Allerdings kann auch diese Technik aufgrund des kräftigen Schlages die Streuung von ZNS-Gewebe nicht ganz ausschließen. Bedenklich ist vor allem, dass bis zu zwölf (!) Prozent der Tiere bei Bewusstsein bleiben. Als Alternative bietet sich die neu entwickelte Betäubungsfalle an, bei der gleichzeitig Kopf- und Brust- elektroden zum Einsatz kommen. Sie betäuben nicht nur, sondern lösen zudem ein Herzkammerflimmern aus, das zum Herzstillstand führt. Das Stechen der Tiere ist in der Falle unmittelbar nach dem Ende des Stromflusses möglich: Mit einem gezielten Messerschnitt am Hals oder an der Brust werden die Hauptblutgefäße durchtrennt, was einen hohen Blutverlust bewirkt, die Sauerstoffversorgung des Hirns unterbricht und so zum Tod der Rinder führt.

Schweinereien bei Schweinen

Die Schlachtung von Schweinen ist ebenfalls heikel, wenn auch aus anderen Gründen. Die Tiere werden derzeit elektrisch oder mit Kohlendioxid betäubt. Beide Verfahren sind nicht tierschutzgerecht, insbesondere wegen der Gefahr des Wiedererwachens vor dem Tod. In der Regel sterben die Schweine durch das Stechen. Setzt die Entblutung aber zu spät nach der Narkose ein oder verläuft sie zu kurz, so können die Tiere das Bewusstsein wiedererlangen. Stichproben ergaben, dass ein Prozent der Schweine unmittelbar vor der Brühanlage noch wach war. In einer Anlage galt das sogar für 14 Prozent. Demnach ist also nicht nur stets zu kontrollieren, ob die Entblutung erfolgreich verläuft, sondern auch darauf zu achten, dass die Zeitspanne zwischen Betäubung und Tötung möglichst kurz bleibt. Tiere, die nach dem Stechen noch bei Bewusstsein sind, müssen sofort von Hand nachbetäubt werden.
Die Problematik lässt sich durch eine weitere Maßnahme entschärfen: Wenn zusätzlich zur Elektrozange oder Kohlendioxid-Begasung eine Herzelektrode gesetzt wird, kommt es zum Herzkammerflimmern und damit zu einer irreversiblen Betäubung. Die Tiere erwachen dann selbst bei unzureichendem Entbluten nicht mehr. Klaus Troeger von der Bundesanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Kulmbach fordert daher ein Verbot reversibler Verfahren.
Im Vergleich zur Elektrobetäubung hat die Kohlendioxidmethode den Vorteil, dass sie den gruppenweisen Zutrieb von Schlachttieren erlaubt und ihnen damit den Stress erspart, der beim Ansetzen der Kopfelektrode am einzelnen Schwein entsteht. Allerdings führt das Gas beim Tier zu schmerzhaften Reizungen der Atemwege und Atemnot (siehe „Kohlendioxid: Methode mit Tücken” auf Seite 15). Auf der Suche nach Alternativen wurde eine Betäubung mit einem Argon-Stickstoff-Gemisch entwickelt, die jedoch aufgrund des verwendeten Edelgases erheblich teurer ist. Da dabei außerdem Blutpunkte im Muskelgewebe auftraten, kann sie noch nicht für die Praxis empfohlen werden.

Hühner lebendig ausgenommen

Geflügel wird in größeren Schlachtbetrieben elektrisch betäubt. Die Tiere hängen kopfüber in einem Laufband, welches ihre Köpfe durch ein unter Strom stehendes Wasserbecken zieht. Bei ausreichender Stromstärke kommt es hier zwar sehr schnell zu einer Betäubung – jedoch ist diese nur dann irreversibel, wenn die Stromstärke ausreicht, um auch ein Herzkammerflimmern auszulösen. Weil die Betriebe Muskelblutungen im Schlachtkörper vermeiden wollen, setzen sie hochfrequente Ströme mit geringer Stromstärke ein. Das führt oftmals zur Lähmung, aber nicht zur Betäubung.
Zudem ist das Verfahren für die Tiere stressig und schmerzhaft. Sie werden mit den Krallen in enge Metallbügel eingehängt und erleiden manchmal vorzeitige Stromstöße durch schlecht isolierte Anlagen und Wasserspritzer. Natürlich wehren sich viele Vögel und versuchen, das Eintauchen des Kopfes zu verhindern, was Verletzungen bis hin zu Knochenbrüchen zur Folge hat. Abgesehen davon besteht die Gefahr, dass einzelne Tiere der Betäubung tatsächlich entgehen. Sind sie durch zu geringe Stromeinwirkung nur gelähmt, so fallen sie nicht einmal mehr dem sogenannten „Nachschneider” auf, der in der Regel jedem Vogel den Hals abschneidet, der nach dem Tauchbad noch flattert.
Der Einsatz von Kohlendioxid ist eine praxistaugliche Alternative. Die Tiere leiden dabei zwar teilweise unter Schleimhautreizungen und Atemnot, was aber letztlich weniger belastend ist als die Elektro- badmethode. Wie bei den Schweinen experimentiert man auch hier mit Edelgas. Dies führt aber in der Betäubung zu starken Krämpfen.

Hinrichtung bei vollem Bewusstsein

Die Betäubung von Schlachttieren ist gesetzlich vorgeschrieben, um ihr Leiden vor dem Tod zu vermindern. Deshalb gibt das Schächten aus religiösen Gründen immer wieder Anlass zu Diskussionen. Hier sterben die Tiere bei vollem Bewusstsein durch einen gezielten Schnitt, der zu schnellem Blutverlust führt. Die meisten Deutschen betrachten das als barbarisch. Aber zeugt es wirklich von Menschlichkeit, wenn die in unseren Schlachthöfen üblichen Betäubungsverfahren selbst eine große Qual für das Tier darstellen, wie etwa das Elektrobad für Geflügel?
Während Massen-Tierschlachtung und Schächten die Emotionen immer wieder hochkochen lassen, schert sich die breite Öffentlichkeit herzlich wenig um das Tierleid, das mit der traditionellen Hausschlachtung einhergeht. Hier wird beispielsweise Hühnern ohne vorherige Betäubung mit dem Beil einfach der Kopf abgeschlagen. Da die Blutzufuhr zum Gehirn sofort unterbrochen ist, erlischt ihre Wahrnehmungsfähigkeit meist innerhalb von vier Sekunden – allerdings kann dies auch 20 Sekunden dauern. Werden die Hühner vor der Enthauptung per Kopfschlag betäubt, so kann das ihr Leiden weiter verstärken. Denn die Effektivität dieses Verfahrens hängt sehr vom Geschick und von der Erfahrung des Schlachters ab. Folglich ist die vereinzelte Hausschlachtung im Hinterhof nicht unbedingt tierfreundlicher als die industrielle Tierschlachtung im großen Stil.
Selbst wenn es immer wieder in Vergessenheit gerät: Beim Schlachten trägt letztlich nicht nur der unmittelbare Todesschmerz zum Tierleid bei, sondern auch die Angst vor der Tötung. Wie qualvoll diese sein kann, sieht man nicht zuletzt an menschlichen Todeskandidaten, die vor ihrer Hinrichtung stehen. Geht es um die Tötung seinesgleichen, ist der Mensch übrigens weitaus weniger zimperlich als beim Tier: Betäubungen vor der Guillotine, der Garotte oder dem elektrischen Stuhl waren und sind nicht üblich. Dabei können – abgesehen von den Todeserwartungsängsten – vor allem die beiden letzteren Hinrichtungsmethoden sehr schmerzhaft und manchmal langwierig sein.

Kohlensäure: Methode mit Tücken

In der Vergangenheit wurden auch Menschen mit Kohlendioxid betäubt, beispielsweise im Rahmen einer Anästhesie in der Psychiatrie oder in der Gynäkologie. Einige Patienten beschrieben die Methode hinterher als angenehm, andere als unangenehm. Während der Kohlendioxid- anteil im Humanbereich in der Regel höchstens 30 Prozent betrug, setzt man Schlachtschweine einer Konzentration von 80 bis 90 Prozent CO2 aus, da sonst keine sichere Betäubung erfolgt.

Atemnot und Panik

Der relativ hohe Anteil an CO2 geht jedoch mit unerwünschten Nebenwirkungen einher wie z. B. einer Schleimhautreizung. Außerdem reagieren Schweine genauso wie Menschen individuell unterschiedlich auf steigende Kohlendioxidgehalte: Vor allem stressempfindlichere Tiere neigen zu Abwehrreaktionen und Fluchtversuchen. Das verstärkt die durch das Gas bereits stark beschleunigte Atmung, was letztlich zu Atemnot führt, noch bevor die Bewusstlosigkeit eintritt. Um zu verhindern, dass sich die panischen Tiere gegenseitig verletzen und um das Auftreten von Krämpfen während der Betäubung zu verringern, versucht man in der Praxis durch schnelle CO2-Anflutung sowie hohe Gaskonzentrationen eine möglichst rasche Narkose herbeizuführen.
Neben der individuellen Empfindlichkeit gegenüber dem Kohlendioxid entscheidet zudem die Art des Tiertransports und -zutriebs darüber, ob das Verfahren reibungslos verläuft. Sind die Schweine schon vor der Betäubung aufgeregt, so empfinden sie diese viel eher als unangenehm und wehren sich dagegen. Der Landesbeirat für Tierschutz in Baden-Württemberg sieht deshalb einen Vorteil in modernen Anlagen, die einen Gruppenzutrieb der Schweine erlauben. In seiner kürzlich erschienenen Beurteilung der CO2-Methode bei Schweinen weist der Beirat darauf hin, dass „die CO2-Betäubung in gut konzipierten und ein-gestellten, modernen Anlagen im Vergleich zur Elektrobetäubung mit Vereinzelung (...) durch den geringen Anteil schlecht betäubter Tiere und der besseren Schlachtkörperqualität deutliche Vorteile hat”. Die Experten bewerten daher das Kohlendioxidverfahren „als akzeptable Methode zur Betäubung von Schlachtschweinen”.

Unersetzbar und umstritten

Ähnlich lautet die Einschätzung des Wissenschaftlichen Gremiums für Tiergesundheit und Tierschutz, das von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit einberufen wurde. „Die Betäubung mit Gas ist ein potenziell humanes Betäubungs- oder Betäubungs/Tötungsverfahren, wenn nicht-reizende Gase oder Gasgemische verwendet werden”, so die Wissenschaftler. Gegenwärtig stehen aber keine angemessenen Gasalternativen zur Verfügung: Weder reines Edelgas noch eine Kohlendioxid-Argon-Kombination betäuben so effektiv wie reines CO2. Damit ist die Kohlendioxidmethode bislang nicht nur unersetzbar, sondern bleibt aufgrund ihrer Nebenwirkungen auch weiterhin diskussionswürdig.

Literatur

European Food Safety Authority: Opinion of the Scientific Panel on Animal Health and Welfare on a request from the Commission related to welfare aspects of the main systems of stunning and kiling the main commercial species of animals. The EFSA Journal 2004/45/S.1-29

Luy J: Betäubung vor dem Schlachten ist ethisch unverzichtbar. Rundschau für Fleischhygiene und Lebensmittel-Überwachung 2004/H.12/S.267-269

Ministerium für Ernährung und ländlichen Raum Baden-Württemberg: Tierschutz bei der Schlachtung – CO2-Betäubung von Schweinen. Unter www.mlr.baden-wuerttemberg.de, Stand September 2005

Troeger K: Neue Erkenntnisse in der Schlachttechnologie. Archiv für Lebensmittelhygiene 2004/55/S.137-143

Von Wenzlawowicz M: Stand, Ausblick und Bewertung der Geflügelbetäubungsverfahren europa- und weltweit. Rundschau für Fleischhygiene und Lebensmittel-Überwachung 2004/H.10/ S.219-22

Ausgabe Eulenspiegel 4/2005 S.14
Schlachttechniken

Suche nach dem sanften Tod

Inhalt der Ausgabe

Folsäure
- Schwangere in der
  Pflicht

- Mangel auf Empfeh-
  lung
EPIC-Studie
- Strich durch die
  Rechnung
Schlachttechniken
- Suche nach dem
  sanften Tod

Facts und Artefacts & In aller Kürze
- Freilandhaltung:
  Spiel mit dem
  Risiko

- Acarbose
  weiterhin fragwürdig
- Jod: Vom Mangel
  zum Überschuss
- Luftverschmutzung
  durch Bäume
- Bitterresistenz
  durch Malaria
- Reizdarm durch
  blinde Passagiere

Die besondere Erkenntnis
- Duft der Verdauung

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