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Adipositas bei Kindern: Dicke Kinder - dünne Erkenntnis

von Brigitte Neumann

Im Sommer 2003 lief Renate Künast zur Höchstform auf. Mit dem Kongress „Kinder-leicht. Besser essen – mehr bewegen” gab die Ver- braucherministerin den Startschuss zu einer umfassenden Kampagne gegen Übergewicht im Kin-des- und Jugendalter. Schließlich warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon seit vielen Jahren vor einer weltweiten Adipositas-Epidemie und fordert eindringlich zum Handeln auf.5
„Dicke Kinder haben schlechtere Startchancen im Leben”, beklagt Künast. Deshalb sei es für sie eine Frage der Gerechtigkeit, sich des Themas anzunehmen. Die wichtigste ernährungspolitische Heraus- forderung bestehe darin, „Übergewicht” bei Kindern zu bekämpfen und „gesunde Ernährung” zu fördern. Und die Ministerin setzt noch eins drauf: Eine amerikanische Studie habe unlängst gezeigt, „dass adipöse Kinder, die in Krankenhäusern behandelt wer-den, genauso unglücklich sind wie krebskranke Kinder in einer Chemotherapie.”4 Warum eigentlich? Könnte das nicht daran liegen, dass unsere Gesellschaft ihre dicken Kinder stigmatisiert?

Schuldiger Schokoriegel

Die Strategie der Ministerin scheint so einfach wie einleuchtend. Schließlich sind die üblichen Verdächtigen schnell gefunden: Fast-Food-Restaurants, Süßigkeiten, Softdrinks sowie Kinderlebensmittel. Und natürlich essen Kinder heutzutage zu fett, zu süß, zu wenig Obst bzw. Gemüse. Ihre Eltern hingegen sind anscheinend unfähig, sie so zu erziehen, dass das höchste Glück der lieben Kleinen in einem Teller Rohkost zum Knabbern besteht. Deshalb setzt Künast auf Kindertages- stätten und Schulen. Die Curricula für umfassende Ernährungs- programme sind bereits geschrieben. Mit allen Sinnen sollen künftig schon die Kleinsten erkennen, wie gut die Vegetabilien ihrem Körper tun. Auf der anderen Seite wird ihnen beigebracht, dass ein Hamburger pappig, fettig und nicht begehrenswert ist, fettarme Milch besser schmeckt als Vollmilch und der leckere Schokoriegel ihrem Körper schadet, weil er zu viele Kalorien enthält. Kinder sollen am eigenen Leib erfahren, was nach Meinung der Erwachsenen unter gesunder Ernäh- rung zu verstehen ist – und dabei auf Gaumenkitzler wie Süßigkeiten, Chips und Bratwurstbrötchen verzichten.
Wenn es doch so einfach wäre. Mit unzähligen Varianten dieses Schemas versuchen sich nahezu 200 Institutionen seit fast drei Jahrzehnten daran, Kinder dünn zu trimmen. Allem Anschein nach mit dem Ergebnis, dass dicke Kinder immer schwerer werden.
Paradoxerweise können die Verursacher des „Übergewichts” nicht einmal eindeutig am Essen der Kinder festgemacht werden. Vertilgen nach einer Kieler Untersuchung dünne Kinder doch genauso viel Schokolade, Fast Food, Pommes und Cola wie dicke.2 Das For- schungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund zeigt, dass der Fett- verzehr von Kindern in den letzten Jahren rückläufig ist.1

Fette Angst

Doch das passt nicht ins Bild der Experten von Kiel bis München. Sie schließen sich der Ministerin an, die neben weniger Fett im Schoko- riegel ein cooles Image für Karotten und Kohlrabi fordert. Außerdem müssten in den Schulen wieder Grundkenntnisse des Kochens ver- mittelt werden. Wer aber auf diese Weise Kindern gleichzeitig diktiert, was ihnen zu schmecken hat, und Lebensmittel kategorisch in „gut” und „böse” einteilt, provoziert damit ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Essen. Denn die „bösen” Nahrungsmittel schmecken häufig nicht nur gut, sondern sogar besser. In den USA zeichnen sich die Ergebnisse intensiver Ernährungserziehung hin zu fettarmer Gesundkost längst ab: „Amerikas Kinder fürchten sich davor zu essen”, erklärt Francie M. Berg7, amerikanische Ernährungswissenschaftlerin an der medi- zinischen Fakultät von North Dakota und seit mehr als zwanzig Jahren mit der Problematik des „übergewichtigen Kindes” befasst. Diese Angst nehme die Kin-der gefangen, zerstöre ihre Jugendjahre und sogar ihr ganzes Leben. „Sie ist eine Besessenheit, die ihre Freude ebenso dämpft wie ihre Wissbegierde, ihre Energie und ihren Sinn für das Normale”, so Berg.6

Freiräume statt Regeln

Essen wie im Schlaraffenland – schon das Märchen zeigt, dass das auf Dauer unbefriedigend ist. Um den übervollen Tellern zu entfliehen, strampelt sich der Held seine Pfunde wieder ab. Unsere Kinder jedoch können nicht aus einer Welt fliehen, die ihnen einerseits berstend volle Lebensmittelregale präsentiert und sie andererseits rügt, wenn sie nach Herzenslust zugreifen wollen. Je mehr ihnen „gesunde Ernährung” aufgezwungen wird, um so schwerer können sie ein natürliches Essverhalten entwickeln, das aus sich selbst heraus Maß und Ziel findet. Was für die Ernährung gilt, trifft auch auf die Bewegung zu. Schon als kleine Babys werden Kinder im Babysafe festgeschnallt, statt ihre Welt krabbelnd zu erkunden. Später brauchen sie dann Ergot- herapie, um ihre Körperwahrnehmung zu trainieren. In der Schule werden sie wiederum zu ruhigem Sitzen verdammt. Zu Hause schließ- lich baut sich am Computer eine virtuelle Welt auf, in die sie vor den Realitäten fliehen können – oder per Knopfdruck sogar dort vorge- schrieben bekommen, wie gesunde Ernährung zu funktionieren hat.
Der Hirnforscher und Neurobiologe Gerald Hüther brachte das Problem jüngst auf den Punkt: „Wollen wir dressierte Kinder, die wie Automaten das tun, was wir von ihnen verlangen? Dann sollten wir Druck machen. Oder wollen wir selbstbewusste und neugierige Kinder, die sich ihrer eigenen Kreativität bewusst sind und die Welt erkunden wollen? Dann sollten wir ihnen Gelegenheit dazu bieten.”3 Mit Möhren, Pommes und Pizza, mit Äpfeln, Bratwürsten und Chipstüten, mit Vollmilch, Wurst und Käse, mit inneren und äußeren Freiräumen für Lust auf Essen und Bewegung. Die andere Alternative wäre, auf dem verbraucherpolitisch propagierten Weg in die Sackgasse voranzuschreiten und es dann als Fortschritt zu bezeichnen, am Ende angelangt zu sein.

Ausgabe Eulenspiegel 5-62003
Schwerpunkt: Adipositas bei Kindern

Dicke Kinder - dünne Erkenntnis 

Inhalt der Ausgabe

Schwerpunkt:
Adipositas bei
Kindern
- Dicke Kinder -
  dünne Erkenntnis

- Üppige Normverstoß 
- Dick durch satte
  Propaganda
- Prägende Erfah-
  rungen neu ge-
  wichtet
- Fette Fernsehnation
- Therapie: nach-
   haltiger Misserfolg
- Prävention zwischen
  Wunsch und Wirk-
  lichkeit
- Essstörungen:
  die Kehrseite der
  Medaille

- Fazit
Special
- Antioxidantien

Facts und Artefacts & In aller Kürze
- Cholesterin:
  vom Risiko- zum
  Immunfaktor
- Transfettsäuren
  Gedächnits ge-
  schröpft
- Nitrat und Nitrit:
  diesmal gesund
- Malaria: Das Ende
  der Mücke?

In aller Kürze

Die besondere Erkenntnis
- Hurra, hurra, die
  Schule ist ver-
  seucht!

Impressum 

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