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von Dr. med. dent. Robert Heiden
„Lieber Prophylaxe als Restaurierung“ – dieses Motto steht für einen Paradigmenwechsel in der Zahnmedizin, der bereits in den 70er Jahren begann. Die Fachwelt schaffte es durch beharrliche Aufklärung, in der Bevölkerung das Verständnis für die Entstehung der Karies zu ver- ankern: Im Mund verwerten Bakterien Zucker und Stärke aus unge- sunden Süßwaren, Chips und Weißbrot, und bilden daraus an den Zähnen haftende Filme, die Plaque. Anschließend verstoffwechseln sie den restlichen Zucker zu Säuren und greifen damit den Zahnschmelz an. Zu allem Überfluss bilden die Mundkeime diverse Toxine, die eine Entzündung des Zahnhalteapparates und letztlich sogar Knochen- schwund bewirken können. Mittlerweile scheint die Prophylaxe in Form von Zähneputzen, Fluoridierung und regelmäßiger Kontrolle Früchte zu tragen. So hatten zwölfjährige Jugendliche in den alten Bundesländern 1983 noch durchschnittlich knapp sieben kariöse, gefüllte oder fehlende Zähne. In einer vergleichbaren aktuellen Erhebung aus dem Jahr 2006 verringert sich dieser Wert um den Faktor zehn (!) auf 0,7 erkrankte bzw. behandelte Zähne. Über die Hälfte aller Jugendlichen im Alter von zwölf Jahren hat sogar ein kariesfreies Zahnsystem. Auch bei den Erwachsenen ist die Karies rückläufig.
Zahnschaden durch Zahnpflege
Doch allen Erfolgen zum Trotz: Während die Karies zurückgeht, haben die Erkrankungen des Zahnhalteapparates in den letzten zehn Jahren erheblich zugenommen. Heute leiden über die Hälfte aller 35- bis 44-Jährigen unter einer mittelschweren Parodontitis, weitere 20 Prozent unter einer schweren Parodontitis. Insofern gibt es keinen Grund zur Selbstzufriedenheit – ja im Gegenteil: Die Erfolge haben den Beige- schmack eines Pyrrhussieges. Wir Zahnärzte müssen uns fragen, ob unsere Theorie zur Zahngesundheit nicht etwas zu simpel war. Denn selbst ein regelmäßig und gründlich gepflegtes Gebiss kann Schaden nehmen. Und tut dies in vielen Fällen auch. Ebenfalls auf dem Vor- marsch sind Erosionen, d. h. die chemische Auflösung des Zahn- schmelzes ohne die Mitarbeit von Bakterien. Hier kennen wir zwei wichtige Ursachen: Zum einen die vermeintlich gesunde Ernährung nach den Regeln der „5 am Tag“- Kampagne, also viel frisches Obst, Fruchtsäfte und Rohkost (Salat mit Essig). Nicht zufällig haben Rohköstler meist schlechtere Gebisse als unbefangene Esser. Ein weiterer Risikofaktor ist die eifrige Zahnpflege unmittelbar vor oder nach dem Essen. Denn gründliches Schrubben entfernt das so genannte Pellikel, einen hauchdünnen Film, der sich aus dem Speichel bildet und den Zahn vor dem Angriff der Säuren aus der Nahrung schützt.
Prophylaxe in neuem Lichte
Eine „intensive“ Mundhygiene kann demnach genauso zu Zahnschäden führen wie eine „zahngesunde“ Ernährung. Dazu kommt, dass das gerne empfohlene Zähneputzen nach jeder Mahlzeit“ keine wissenschaftliche Grundlage hat. Eine Demineralisation des Schmelzes erfordert nämlich eine mindestens 24-stündige Reifungsphase der anhaftenden Beläge. Deshalb reicht es völlig aus, sich ein- oder zweimal am Tag die Zähne zu putzen – aber nicht unmittelbar vor oder nach dem Essen. Vielleicht wäre es sinnvoller, wenn wir uns künftig weniger auf das Zähneputzen versteifen oder ins Essen verbeißen, sondern uns auch für andere Zusammenhänge öffnen. So scheinen etwa UV-Licht, Disstress oder Medikamente (Glucocorticoide) einen nicht minder wichtigen Einfluss auf die Zahngesundheit zu haben als Zucker oder Zahnbürste. Allein das sollte Anstoß genug sein, die Prophylaxe in neuem Lichte zu sehen.
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