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von Andrea Fock
Rohstoffe haben ihre Tücken. Mal sind sie billig, mal teuer und mal gar nicht verfügbar. Missernten, Kriege, Wetterkapriolen, politische Entscheidungen, schnelles Bevölkerungswachstum – all das kann die Märkte durcheinanderwirbeln. Ein ideales Terrain für Spekulanten. Glücklicherweise verfügt die Lebensmittelindustrie heute über technische Möglichkeiten, Rohstoffe je nach Preis und Verfügbarkeit auszutauschen, ohne dass dies der Kunde merkt. Allenfalls bei Kampagnen gegen „Gensoja“ wird er gewahr, dass sich die Lebensmittelbranche auf Weltmärkten und nicht in Omas Kräutergärtlein bedient.
Nehmen wir die Fettversorgung. In Nord- und Mitteleuropa waren keine pflanzlichen, sondern tierische Fette seit jeher beliebt, da hier die Viehzucht eine Lebensgrundlage bildet. Die europäische Küche nutzt daher traditionellerweise Butter, Schmalz und Talg. Beleuchtet wurde vorwiegend mit Wachskerzen, in die Funzeln kam Rüböl. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts stand mit dem Aufkommen des Walfangs eine neue Fettquelle zur Verfügung. Doch die Menschen verschmähten den fischigen Tran bei Tisch und nutzten das Walöl für ihre Lampen. Zudem ließen sich aus dem Walrat besonders hell brennende Kerzen ziehen.
Um 1860 versiegte diese Energiequelle, da sich Deutschland vom Walfang zurückzog. Die intensive Bejagung hatte die Bestände stark dezimiert, die lange Anreise in die Jagdgründe lohnte nicht mehr. Außerdem waren in Pennsylvania 1859 die ersten Erdölvorkommen entdeckt worden. Nun erhellten schicke Petroleumlampen statt trüber Tranfunzeln die Stuben. Kaum fünf Jahre später stachen die Walfänger aber schon wieder in See. Der Fang war durch die Entwicklung der Harpunenkanone plötzlich attraktiv geworden. Jetzt brauchte man dem Wal nicht mehr von schwerfälligen Seglern aus in zerbrechlichen Fangbooten unter Lebensgefahr nachzustellen, sondern konnte in relativer Sicherheit vom Dampfer aus auch schnellere Arten wie den Blauwal jagen.
Wer hat die Kokosnuss geklaut?
Ende des 19. Jahrhunderts wurden tierische Fette in Europa immer teurer und knapper. Deutschland importierte zwar gigantische Mengen an Schmalz aus Amerika, aber es reichte nicht zur Versorgung der schnell wachsenden Bevölkerung. Die industrielle Revolution verschärfte den Mangel, da Fette vermehrt als Schmiermittel für Maschinen, für Seife (u. a. für das Waschen von Baumwolle) und viele andere Zwecke benötigt wurden.
Neue Rohstoffe waren erforderlich, nämlich Kokos- und Palmkernfett. Die lieferten die Kolonien, die das Deutsche Reich Mitte der 80er Jahre erworben hatte. Was zunächst vor allem für technische Zwecke genutzt wurde, kam ab 1890 vermehrt in die Haushalte – als billiger Ersatz für tierische Fette. Das feste Kokosfett, noch heute als „Palmin“ bekannt, wurde begierig von der deutschen Bevölkerung aufgenommen. Doch die Lieferungen blieben hinter den Erwartungen und Möglichkeiten zurück. Wohl, weil man im Reich dem Kokosanbau eher skeptisch gegenüberstand: „Für europäische Pflanzer ist eine Kokosplantage immer ziemlich riskant, weil die Palme nur bei guter Pflege reichlich trägt, und weil ohne viel Aufsicht die Hälfte der Nüsse gestohlen wird.“
Wie gewonnen, so zerronnen
Zeitgleich verdrängte die Baumwolle die Schafswolle. Entsprechend wuchs das Angebot an Baumwollsaatöl, das in Südeuropa zum Panschen von Olivenöl großen Anklang fand. Billige Pflanzenöle machten auch dem Waltran zu schaffen, aber der technische Fortschritt sorgte wieder für seine Renaissance: Die Fetthärtung, eine Erfindung des deutschen Chemikers Wilhelm Normann (1870-1939), verschaffte dem Walöl das lang ersehnte Entree in die Küche. Aus stinkendem Tran, Robbenfett und Fischöl entstand geruchsneutrale Margarine und die Fetthärtereien wurden zu Alleinabnehmern. Der Krieg trieb die Preise für Waltran in die Höhe, da man das darin enthaltene Glycerin für die Herstellung von Sprengstoff benötigte.
Nach dem Ersten Weltkrieg war nicht nur die Eigenversorgung mit Tran am Ende. Deutschland verlor bekanntlich seine Kolonien und musste wieder Devisen für den Import von Fetten ausgeben. Nun wurden vorwiegend ausländische Ölsaaten zu Margarine verarbeitet, da die Technik Normanns auch die Härtung flüssiger Pflanzenöle erlaubte. Das Dritte Reich wollte Devisen für die Einfuhr von Ölsaaten sparen und nahm den Walfang unter der Federführung der Fa. Henkel in Düsseldorf wieder auf. 1936 lief das erste Fangschiff aus.
Vorsicht Ölspur
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Bundesrepublik nichts anderes übrig, als erneut Devisen für ihren immensen Bedarf an Fetten auszugeben. Das während der Kriegszeit verwendete Rapsöl war damals noch toxisch und eigentlich nicht für den menschlichen Verzehr geeignet. Jetzt wurde zunehmend Soja aus den USA importiert und zu Öl und Margarine verarbeitet. Das ließ Europas Züchter nicht ruhen, bis es ihnen gelungen war, den Raps leberfreundlicher zu machen. Seither findet sich in deutschen Salatschüsseln wieder das einst gefürchtete „Kriegsöl“, da der Verbraucher „genmanipuliertem Soja“ aus den USA skeptisch gegenübersteht. Außerdem sorgt der vermehrte Anbau von Ölsaaten in Europa für einen Preisverfall, so dass diese Öle billiger sind als Sojaöl.
Die große Ära des Sojaöls scheint sich dem Ende zuzuneigen. Der agrartechnische Fortschritt in der Dritten Welt beginnt Europas Fettversorgung erneut umzugestalten. Inzwischen haben ölliefernde Palmen das Sojaöl ersetzt, das seinerseits den Walfang ins Abseits gedrängt hatte. Heute ist Palmöl mit einem Anteil von 32 Prozent, das sind 43,2 Millionen Tonnen pro Jahr, das beliebteste Speiseöl der Welt. Der Löwenanteil stammt aus Malaysia und Indonesien, Thailand und Kolumbien wollen nachziehen. Doch auch dies kann sich schnell ändern – dann, wenn die Ölpflanzen, insbesondere das Palmöl, zur Produktion von Biodiesel genutzt werden.
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