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von Tamás Nagy
Saubere Bioschweine?
Aber was soll’s: Die Autoren kaprizierten sich lieber auf andere Umwelt- wirkungen wie Treibhausgas-Emissionen und Einträge an Stickstoff, Phosphor und Pflanzenschutzmitteln. Zumindest hier sollten sich die Bioschweine als wahre Saubermänner entpuppen. Dabei geriet jedoch wieder ein wichtiger Faktor in Vergessenheit: die Ausscheidungen der Tiere. Denn laut Studie hat die ökologische Schweinemast – abgesehen von den obligatorischen Ammoniakemissionen aufgrund von Gülle- bzw. Mistlagerung – fast keinerlei Ausstoß an Treibhausgasen zur Folge, noch verursacht sie irgendwelche Stickstoff- oder Phosphoreinträge.5 Als Beleg dient eine Tabelle, die zumindest beweist, dass die Addition von Zahlen nicht gerade zu den Stärken der Autoren gehört (siehe Tabelle 1).
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Die dargebotenen Werte sind vor allem deshalb zweifelhaft, weil das langsamere Wachstum von Schweinen bei extensiver Mast die Umwelt bekanntlich stärker belastet als die heute übliche Intensivmast.8 Nur zum Vergleich: Im konventionellen Mastbetrieb nehmen Schweine am Tag etwa 800 Gramm zu, in Spitzenbetrieben sogar über 1000, auf Biolandhöfen hingegen 530 und in Demeterbetrieben nur 380 Gramm.1,10 Mit der Mastdauer steigt die Menge an Futter und Trinkwasser, um ein Kilo Fleisch zu erzeugen. Weil die Futterverwertung schlechter ist, scheiden die Tiere mehr Stickstoff und Phosphor aus, die wiederum über die Gülle die Gewässer verunreinigen. Was für das Schwein zutrifft, gilt natürlich genauso für Milchvieh und Legehennen (siehe Tabelle 2).
Aus ökologischer Sicht verdient die Freilandhaltung besondere Aufmerk- samkeit, weil die Tiere den Boden oftmals mit mehr Stickstoff versorgen als bei einer intensiven Düngung zulässig wäre.3,9 Dazu Professor Helmut Bartussek von der Bundesanstalt für alpenländische Landwirt- schaft, Gumpenstein, der der biologischen Produktion durchaus positiv gegenübersteht: „Ob ein unkontrolliertes ... Absetzen von Kot und Harn von Nutztieren in der Freilandhaltung als ordnungsgemäßes Ausbringen von Wirtschaftsdünger im Sinne des Gesetzes angesehen werden kann, ... muß aus fachlicher Sicht verneint werden.“2 Speziell bei der Freilandhaltung von Schweinen kommt es zu einer starken Boden- belastung mit Salz, Kupfer und Zink. Da die Tiere das Erdreich umwühlen, geht der Dung überwiegend ins Grundwasser und in die Atmosphäre. Schöne neue Welt
Da die raue Wirklichkeit nicht zu den schon fast religiösen Erwartungen der Bürger an den biologischenLandbau passt, entschieden sich die Ökobilanzierer für hypothetische Modellbetriebe, in denen alles so funktioniert wie im Bilderbuch. Offenbar bringt der liebe Weihnachtsmann einen prall gefüllten Sack mit leckerem Biokraftfutter von seinen Ökowichteln mit. Dass es im real existierenden Ökolandbau insgesamt an hochwertigem biologisch erzeugtem Futter mangelt, wurde schlicht- weg ignoriert. Einzig und allein bei der Berechnung des Energiever- brauchs zur Futtererzeugung tauchen fünf Prozent konventionelles Kartoffeleiweiß auf – die allerdings nicht in die Sachbilanz eingehen, weil sie „als Abfallprodukt bei der Stärkeherstellung“ anfallen.7 Ohne dieses Extraeiweiß von den konventionellen Kollegen sähe es noch schlechter aus. Auf Biokartoffel- eiweiß wird niemand ernsthaft hoffen, denn gerade bei Biokartoffeln sind Ernteausfälle nichts Ungewöhnliches.
Doch das ist aus Sicht der Autoren alles nicht der Rede wert. Dafür betonen sie, dass der ökologische Modellbetrieb im Gegensatz zum konventionellen Betrieb keinerlei Einträge an Pflanzenschutzmitteln verursacht.7 Auch das ist Wunschdenken, denn der Ökolandbau kann ebenfalls nicht auf Pflanzenschutz verzichten. Hier spielen beispiels- weise Kupfersalze und Schwefelpräparate eine wichtige Rolle. Kupfer ist ein Schwermetall, das im Gegensatz zu „chemisch- synthetischen“ Mitteln nicht abbaubar ist, sich anreichert und dadurch über kurz oder lang die Böden „verbraucht“. Abgesehen von solchen Umweltwirkungen erfolgt auch die Herstellung von biologischen Pflanzenschutzmitteln nicht zum Nulltarif, sondern erfordert genauso den Einsatz von Energie wie die Produktion konventioneller Präparate.
Dass bei Ökobilanzen gemogelt wird, ist so neu nicht. Ungewöhnlich ist allenfalls das dreiste Vorgehen der Autoren. Vielleicht ist ja der Foodwatch-Slogan, dass „Verbraucher wissen dürfen, was sie wissen müssen“, ganz anders gemeint als zunächst angenommen? Wenigstens lassen sich die Fehler, Umdeutungen und Aussparungen der Studie durchaus zu einem sinnvollen Ergebnis zusammenfassen: Die Ökobilanz von Bio ist inzwischen schlechter als die einer ordnungsgemäßen konventionellen Produktion. Öko belastet damit unsere Umwelt in vermeidbarer Weise.
Erwiderung des “IÖW” auf diesen Artikel >mehr Stellungnahme des EU.L.E. e.V. zu der Erwiderung des “IÖW” >mehr
Literatur zu „Schnitzeljagd: Auf der Fährte der Ökobilanzen“
1) Anon: 1000 Gramm und mehr am Tag. DLG Mitteilungen 2001/H.5/S.12
2) Bartussek H: Freilandhaltung von Nutztieren: eine unbekannteWissenschaft und ein Umweltproblem. Ökologie & Landbau 1998/H.3/S.31-38
3) Brandt M, Sundrum A: Umweltverträgliche Freilandhaltung vonMastschweinen im Ökologischen Landbau. In: Heß J, Rahmann G (Hrsg): Ende der Nische. Beiträge zur 8. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau. Kassel University Press 2005
4) Flachowsky G: Contributions of animal nutrition to the decrease of environment pollution. Lohmann Information 1993/ H.10-12/S.1-9
5) Foodwatch (Hrsg): Was kostet ein Schnitzel wirklich? Der foodwatch-Report über falsche Preise und wahre Kosten der Fleischproduktion. Unter http://foodwatch.de/foodwatch/content/e10/e784/e646/e1284/foodwatchSchnitzelstudie Nachdruck0705ger.pdf Stand Dezember 2007
6) Haas G: Ökobilanz: Wie ökologisch ist der ökologische Landbau? In: Der Kritische Agrarbericht 2003, S.128-134
7) Korbun T et al: Was kostet ein Schnitzel wirklich?IÖW-Schriftenreihe 171/04, Berlin 2004
8) Stein M: Welternährung: Mehr als nur eine Schale Reis. EU.L.E.n-Spiegel 1997/H.7/S.7-14
9) Sundrum A, Weißmann F (Eds): Organic pig production in free range systems. Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft, Braunschweig 2005
10) Thielen C: Fütterungspraxis bei alternativ gehaltenen Mastschweinen. Dissertation, Hannover 1993
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